Leseprobe aus

   Die andere Seite des Mondes



        5. Bambang

          noch 29 Tage bis zum Terrasaster


Der Mond

     In einer ausgedehnten Kaverne, viel größer als der Hangar für einen Jumbojet, hatte Bambang das Kommando. Streng genommen war er nur der Helfer des Lunatikers Papaus, aber den bekam er oft wochenlang nicht zu Gesicht. Dass hier alles reibungslos ablief, war allein Bambangs Verdienst, war nur seiner Genialität im Umgang mit bizarren Lebewesen zu verdanken.

     Bambang war ein Mensch, ein Junge etwa im gleichen Alter wie Jonas. Er hatte glattes, schwarzglänzendes Haar, braune Augen und eine Haut, deren Farbe irgendwo zwischen Milchkaffee und Honig lag. Bambang stammte aus Indonesien, von der Insel Bali, und er war gern hier, auf dem Mond, zumindest zur gegenwärtigen Zeit. Wenn es ihm eines Tages nicht mehr gefiel, war ihm versprochen worden, oder wenn er Heimweh bekam, würde er wieder nach Hause transponiert.

     Bambang schob seinen Trolley einige Schritte weiter und füllte die nächsten vier oder fünf Näpfchen mit einer hellgrünen, gel-artigen Substanz. Die Deviatoren drängelten sich nach ihrer Nahrung, aber zuerst ließ sich ein jeder von Bambang die Nase kraulen. Ja, ist schon gut," redete er in einem beruhigenden Singsang auf sie ein, im gleichen Ton, den er auch daheim für die Drachen verwendete. Fresst euch nur satt, ihr müsst stark werden, bald bekommt ihr ein schweres Stück Arbeit."

     Sonderbare Kreaturen waren das, diese Deviatoren. Sie hatten die Form eines T mit einem ziemlich kurzen Fuß und einem breit ausladenden, wulstigen Dach. Hier, in ihrem Terrarium, bewegten sie sich auf kurzen, krummen Krokodilsbeinen und hatten Mühe, den übergroßen Kopf nicht über den Boden zu schleifen. Daran waren vor allem die vier Düsentriebwerke schuld, die den größten Teil des T-Querbalkens einnahmen. Wurden sie aber losgelassen und konnten sich in ihrem Element tummeln, hoch über dem Boden oder gar im Weltraum, dann entfalteten sie eine unvorstellbare Beweglichkeit. Pfeilschnell wie Seeschwalben schossen sie dicht über die Oberfläche hin, unbeweglich wie Jagdfalken konnten sie endlos über einem Punkt hängen, grazil wie balinesische Burong im schnellen Flug überschläge vollführen oder sich in die Höhe schrauben, bis sie fast dem Blick entschwunden waren, um sich dann wie ein Stein bis auf wenige Zentimeter vom felsigen Grund zu stürzen. Sie taten das gern und wetteiferten mit Begeisterung, denn die besten durften länger draußen bleiben, während die anderen zurück ins Terrarium mussten. Die wichtigste Eigenschaft der Deviatoren war aber ihre unglaubliche Kraft. Jeder von ihnen konnte die tausendfache Masse seines eigenen Körpers bewegen. Gegen ein gutes Deviatorenteam hatte auch ein mittelgroßer Bolide keine Chance. Er wurde einfach aus seiner Bahn gedrängt und in die Endlosigkeit des Weltalls zurückgejagt. Doch die Herausforderung durch Damoklaus war größer als alles, was die Deviatoren gemeinsam je vollbracht hatten.

     Wie ein Flugbegleiter, der die Bordverpflegung austeilt, zog Bambang mit seinem Servierwagen weiter. An jedem Terrarium vollführte er die gleiche Routine: Gel verteilen, Nasen streicheln, jedem Deviator ein paar freundliche Worte zuraunen. Er mochte diese Kreaturen, er kannte jedes einzelne Individuum und hatte ihnen Namen gegeben, die zu ihren Eigenarten passten. Sie waren alle nach dem selben Plan gebaut, aber im Lauf der Zeit entwickelten sie sich alle unterschiedlich. Dieser wurde faul und träge, jener stahl Futter von den anderen. Hin und wieder wurde auch einer krank, und in seltenen Fällen musste Bambang sogar den Doktoraus zu Hilfe rufen.

     Ein paar von diesen Unpässlichen waren im letzten Terrarium isoliert. Sie lagen apathisch herum, ihre Haut war schlaff und faltig, ihre Triebwerke zeichneten sich darunter ab wie die Rippen eines Hungernden. Für sie nahm sich Bambang besonders viel Zeit. Er verrührte das hellgrüne Energel mit tiefrotem flüssigem Hypersol und flößte jedem seiner Schützlinge diese spezielle Kraftnahrung ein. Er sparte nicht an dem raren Hypersol. Bis zum großen Einsatz mußten auch die Kranken wieder in Weltraumkondition sein.

     Sehr schön, Chlora", redete er dem einen zu. Morgen darfst du wieder zu den anderen. Und du, Kali, friss noch ein bisschen, eine Kleinigkeit nur, ein Tröpfchen Hypersol. So, das ist besser. Du willst doch bald wieder raus zum Fliegen, oder?" Kali machte unter seiner Hand einen Katzenbuckel und rollte sich dann zufrieden in einer Ecke zusammen.

     An der gegenüberliegenden Seite waren in langer Reihe die Volieren der Venoblaster aufgestellt. Die Venoblaster, das waren richtige, organische Wesen. Bambang konnte sich nicht so recht entscheiden, ob er sie als Tiere oder als frei bewegliche Pflanzen ansehen sollte. Wie Fledermäuse hingen sie von der Decke ihrer Käfige herunter, immer streng nach den Farben des Regenbogens geordnet: die jüngsten strahlten in Rot, die reifen glitzerten in Violett. Diese hatte Bambang in einen isolierten Kühlraum umzusetzen, wo sie keine Energie mehr aufnehmen konnten. Darauf achtete er peinlich genau. In seinen ersten Tagen hatte er ein Exemplar in der kritischen violetten Phase übersehen. Es wuchs in kürzester Zeit zu einer stattlichen Größe heran, seine früher faltige Haut wurde glatt und straff und färbte sich tiefschwarz. Dann zerplatzte es wie eine Mine, zerfetzte alles, was nicht niet- und nagelfest war, die Volieren, die Terrarien, die Käfige und Brutkästen. Eine Wand der Halle war pulverisiert, und in den Fels dahinter hatte die Explosion einen unglaublich tiefen Krater gerissen. Alle sechs Bauroboter hatten wochenlang zu tun, bis der Schaden wieder behoben war. Die Deviatoren waren verschreckt und wollten tagelang keine Nahrung zu sich nehmen. Nur die anderen Venoblaster schienen sich über den Zwischenfall zu freuen. Unbeeindruckt von der Methode, wie sich ihr Artgenosse seinen Lebensabend verschönte wuselten sie, rot, gelb, orange und magenta durch die Halle, hängten sich an den unzugänglichsten Vorsprüngen auf, gingen den Deviatoren, den Robotern auf die Nerven, und vor allem Bambang. Der musste bei jedem Schritt darauf achten, wohin er trat, musste jeder einzelnen Kreatur nachjagen, vor allem jenen, die gerade dabei waren, ins Violette zu wechseln. Seitdem sorgte er zwar gründlich und gewissenhaft für die bunten Venoblaster, aber nur die Deviatoren hatte er wirklich ins Herz geschlossen.

     Als Bambang sich umdrehte, um seinen Wagen zur Futterküche zurückzubringen, versperrte ihm eine Gestalt den Weg, der er nicht so gern begegnete. Guten Morgen, Ibu Papaus", grüßte Bambang mit einer Verbeugung, den rechten Arm hinter den Rücken gebogen, wie es die Etikette verlangte. Er benutzte die höfliche balinesische Anrede für höhergestellte Damen, obgleich der Lunatiker Papaus ebenso wenig eine Frau war, wie Mangaus ein Mann. Aber bei ihrer ersten Begegnung hatte Bambang an die ewig schimpfende, fette Nachbarin gedacht, in ihrem verwaschenen Sarong und mit dem übergroßen Haarknoten am Hinterkopf. Dieses Erscheinungsbild hatte Papaus übernommen . Sie wusste nicht, wie wenig schmeichelhaft es war, und hätte sie es gewusst, so hätte sie sich den Teufel darum geschert.

     Du vertrödelst schon wieder deine Zeit", fauchte sie den Jungen an. Lass diese kläglichen Kreaturen krepieren und kümmere dich um die Gesunden. Und du verfütterst zu viel Energel. Wir betreiben hier keine Schweinemast."


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