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Zwei Stunden sind eine lange Zeit, wenn man
durstig ist. Eine halbe Stunde muss ich noch zugeben, dann wird das
Sonnenlicht fade, und die Wolken haben die graue Erde unter sich aufgesogen.
Ein paar Aufnahmen dürften wirklich benutzbar sein. Ich packe die
Gerätschaften ein. Der Weg hinunter wird erst richtig mühsam,
Harry. Komm in den Rucksack, die Kamera hänge ich mir um den Hals
und das Stativ benutze ich als Bergstock, dann schaffen wir das schon.
An einer Stelle wird es so steil, dass ich im Krebsgang manövrieren muss.
Wir haben uns etwas verschätzt und stehen jetzt hoch über dem
Parkplatz. Jetzt verstehe ich auch, warum die Leute ihr Haus genau
über der Schrunde gebaut haben. Der Ausblick ist atemberaubend,
erregend, faszinierend, hinreißend, betörend. Wer dort unten
auf der Terrasse seinen Dämmerungsdrink genießt, braucht keine
andere Aussicht mehr, hat es nicht nötig, für ein paar Tage
Weltraumflug Millionen auf den Tisch zu blättern, nur um die Erde
noch schöner zu sehen. Dem Fotografen bietet das Panorama allerdings
eine fast unlösbare Aufgabe. Kein Vordergrund, das Meer als Mittelgrund,
verschwommener Hintergrund. Da bringt auch meine Supertaschenkamera nichts
mehr zuwege. Aber ich versuche es trotzdem.
Unten auf dem Parkplatz sind gerade ein paar
Bergwanderer angekommen. Ich habe mit meiner Vermutung schon richtig
gelegen der Ort ist dafür wie geschaffen. Betuchte Bergwanderer
sind das. Der erste Wagen ist ein schwarzer Mercedes funkelnagelneu,
zecca, würden die Italiener sagen, pfenniggut. Dahinter
ein roter Wagen, der ein BMW sein könnte. Sie parken an entgegengesetzten
Enden der Plattform. Beide Fahrer steigen aus und gehen aufeinander zu.
Der BMW allerdings nur wenige Schritte. Hinter ihm springen noch zwei
Männer aus dem Wagen. Was die in der Hand halten, das sind keine
Wanderstöcke. Das sind Gewehre. Die sehen so echt aus wie die
Requisiten aus einem Gangsterfilm. Keine Pistolen, keine Jagdgewehre.
Kalaschnikoffs vielleicht, heißen die Dinger nicht alle so?
Jedenfalls erzeugen sie ganz ähnliche Geräusche wie die
schrecklichen Waffen im Film. Ein Feuerstoß, ein zweiter. Der
Mercedesfahrer sieht plötzlich sehr unappetitlich aus. Ich bin
ja kein rasender Fotoreporter, aber wenn ich schon gerade den Fotoapparat
in der Hand habe ... ! Acht Bilder in der Sekunde, da kann man fast
noch die Kugeln fliegen sehen.
Einer der Schützen sagt etwas und winkt
mit seinem Arbeitsgerät in Richtung auf meinen geparkten Mini. Der unbewaffnete
Boss sucht mit den Augen die Gegend ab – und da blicken wir uns direkt
ins Gesicht. Gute hundert Meter, mehr liegt nicht zwischen uns. Einer
der Männer hebt die Waffe ... ratatatatat ... ganz nonchalant.
He, der schießt auf mich! Ist der
übergeschnappt? Sind wir in Afghanistan, oder was? Zum Glück
hat er nur den Fels unter mir getroffen. Aber vielleicht sollte ich
doch nicht hier stehen bleiben. Also, wenn jemand auf mich schießt,
muss ich mich auf den Boden werfen, möglichst flach. Sogar, das
beweist jeder Action-Film, wenn der Schütze über mir im Helikopter
herumkreist. Man möchte meinen, dass man so, bewegungslos auf dem
Bauch und mit dem Kopf im Sand, aus der Luft noch leichter zu treffen
wäre. Aber die Filmemacher, die wissen schon, was sie tun. Flach
hinwerfen ist immer gut. Zum Glück steht die feindliche Armee tief
unter mir. Aber wohin, in aller Welt, soll ich mich zu Boden werfen.
Ich kann mich bäuchlings an den Steilhang lehnen, dann biete ich
ein perfektes Ziel, wie auf dem Schießstand. Ich müsste mir
nur noch ein paar Kreise auf den Rücken zeichnen, damit er das
Schwarze nicht verfehlt. Dass er mich gerade eben nicht getroffen hat,
das war nur Schlamperei, er kann es bestimmt besser. Wenn ich mich
quer zum Hang hinlege, finde ich nicht genug Halt und ende direkt zu
seinen Füßen. Dann braucht er gar nicht mehr zu beweisen,
wie gut er schießen kann. Und Harry wird ein Waisenhund, wenn
er es überleben sollte. Was einem in der Stunde des Todes so alles
durch den Kopf schießt!
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