Leseprobe aus

    Neapel sehen und sterben


Harry III Titelseite

    Zwei Stunden sind eine lange Zeit, wenn man durstig ist. Eine halbe Stunde muss ich noch zugeben, dann wird das Sonnenlicht fade, und die Wolken haben die graue Erde unter sich aufgesogen. Ein paar Aufnahmen dürften wirklich benutzbar sein. Ich packe die Gerätschaften ein. Der Weg hinunter wird erst richtig mühsam, Harry. Komm in den Rucksack, die Kamera hänge ich mir um den Hals und das Stativ benutze ich als Bergstock, dann schaffen wir das schon. An einer Stelle wird es so steil, dass ich im Krebsgang manövrieren muss. Wir haben uns etwas verschätzt und stehen jetzt hoch über dem Parkplatz. Jetzt verstehe ich auch, warum die Leute ihr Haus genau über der Schrunde gebaut haben. Der Ausblick ist atemberaubend, erregend, faszinierend, hinreißend, betörend. Wer dort unten auf der Terrasse seinen Dämmerungsdrink genießt, braucht keine andere Aussicht mehr, hat es nicht nötig, für ein paar Tage Weltraumflug Millionen auf den Tisch zu blättern, nur um die Erde noch schöner zu sehen. Dem Fotografen bietet das Panorama allerdings eine fast unlösbare Aufgabe. Kein Vordergrund, das Meer als Mittelgrund, verschwommener Hintergrund. Da bringt auch meine Supertaschenkamera nichts mehr zuwege. Aber ich versuche es trotzdem.
    Unten auf dem Parkplatz sind gerade ein paar Bergwanderer angekommen. Ich habe mit meiner Vermutung schon richtig gelegen der Ort ist dafür wie geschaffen. Betuchte Bergwanderer sind das. Der erste Wagen ist ein schwarzer Mercedes funkelnagelneu, zecca, würden die Italiener sagen, pfenniggut. Dahinter ein roter Wagen, der ein BMW sein könnte. Sie parken an entgegengesetzten Enden der Plattform. Beide Fahrer steigen aus und gehen aufeinander zu. Der BMW allerdings nur wenige Schritte. Hinter ihm springen noch zwei Männer aus dem Wagen. Was die in der Hand halten, das sind keine Wanderstöcke. Das sind Gewehre. Die sehen so echt aus wie die Requisiten aus einem Gangsterfilm. Keine Pistolen, keine Jagdgewehre. Kalaschnikoffs vielleicht, heißen die Dinger nicht alle so? Jedenfalls erzeugen sie ganz ähnliche Geräusche wie die schrecklichen Waffen im Film. Ein Feuerstoß, ein zweiter. Der Mercedesfahrer sieht plötzlich sehr unappetitlich aus. Ich bin ja kein rasender Fotoreporter, aber wenn ich schon gerade den Fotoapparat in der Hand habe ... ! Acht Bilder in der Sekunde, da kann man fast noch die Kugeln fliegen sehen.
    Einer der Schützen sagt etwas und winkt mit seinem Arbeitsgerät in Richtung auf meinen geparkten Mini. Der unbewaffnete Boss sucht mit den Augen die Gegend ab – und da blicken wir uns direkt ins Gesicht. Gute hundert Meter, mehr liegt nicht zwischen uns. Einer der Männer hebt die Waffe ... ratatatatat ... ganz nonchalant.
    He, der schießt auf mich! Ist der übergeschnappt? Sind wir in Afghanistan, oder was? Zum Glück hat er nur den Fels unter mir getroffen. Aber vielleicht sollte ich doch nicht hier stehen bleiben. Also, wenn jemand auf mich schießt, muss ich mich auf den Boden werfen, möglichst flach. Sogar, das beweist jeder Action-Film, wenn der Schütze über mir im Helikopter herumkreist. Man möchte meinen, dass man so, bewegungslos auf dem Bauch und mit dem Kopf im Sand, aus der Luft noch leichter zu treffen wäre. Aber die Filmemacher, die wissen schon, was sie tun. Flach hinwerfen ist immer gut. Zum Glück steht die feindliche Armee tief unter mir. Aber wohin, in aller Welt, soll ich mich zu Boden werfen. Ich kann mich bäuchlings an den Steilhang lehnen, dann biete ich ein perfektes Ziel, wie auf dem Schießstand. Ich müsste mir nur noch ein paar Kreise auf den Rücken zeichnen, damit er das Schwarze nicht verfehlt. Dass er mich gerade eben nicht getroffen hat, das war nur Schlamperei, er kann es bestimmt besser. Wenn ich mich quer zum Hang hinlege, finde ich nicht genug Halt und ende direkt zu seinen Füßen. Dann braucht er gar nicht mehr zu beweisen, wie gut er schießen kann. Und Harry wird ein Waisenhund, wenn er es überleben sollte. Was einem in der Stunde des Todes so alles durch den Kopf schießt!


zum Seitenanfang
What the world says about der and die
Fastest SFTP, FTP and FTPS Client on the Planet, FREE GoFTP Client